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Porträt Renate Poignée

Interview: Monika Modersitzki und Gabriele Bach

Erstellt: 18.5.2020

Einfach kann jeder – Renate Poignée

„An meine Maschine lasse ich nicht jeden ran. Ihr dürft aber...“

Glück gehabt! - und so konnten wir das Longarmquilten mit der Maschine von Renate Poignée ausprobieren. Für die Gröbenzeller Quiltgruppe hatte Renate die beiden Verlosungsquilts für die 11. Gröbenzeller Quiltausstellung 2019 mit ihrer Longarmmaschine kunstvoll gequiltet. Einer der Bücherquilts ist in der Bibliothek von Gröbenzell zu bewundern.

Renate hat ein geräumiges Arbeitszimmer, in dem ihre Longarmmaschine mit dem 3,60 m (12-Fuß) Rahmen Platz hat. Um das Arbeiten einer Quilterin komfortabel zu machen, wurden zwei Räume kurzerhand zu einem Studio vereint.

Das Wichtigste in meinem Arbeitszimmer ist die Longarmmaschine mit 26“ Tiefe und dem 12´ (3,60m) langen Rahmen. Damit kann ich Quilts für ein Doppelbett mit Überwurf quilten, maximal 3,30 / 3,40 m breit. Die Länge des Quilts ist egal, weil der Quilt aufgerollt wird. Mein Arbeitsfeld ist somit ca. 55 cm über die gesamte Breite des Quilts. Meine Maschine hat eine Stichregulierung, d.h. dass die Stiche gleichmäßig lang werden, egal wie schnell oder langsam ich nähe. Alle Muster sind von Hand geführt, manchmal nehme ich Lineale zu Hilfe, wenn es besonders exakt werden soll. Ich kann keine digitalisierten Muster nähen, dafür habe ich keinen Computer.

quiltdetail

Für das Interview hatte Renate uns zuerst bei Kaffee und Kuchen bei sich zuhause willkommen geheißen. Danach führte sie uns in ihr Quilting Studio.

Wir erfuhren viel über die Technik des Longarmquiltens und über Renates bewegtes Leben als Quilterin. Während ihrer Auslandsaufenthalte in Singapur, Dubai und Malaysia lernte sie Patchwork und Quilten kennen. Es lässt sie bis heute nicht mehr los.

Bereits mit fünf Jahren kam Renate über ein Nachbarskind zum Nähen. Ihre siebenjährige Schulfreundin zeigte ihr, was sie im Handarbeitsunterricht gemacht hatte. Die Begeisterung für Handarbeiten hielt an: Mit 9 Jahren begann Renate auf der Pfaff Nähmaschine ihrer Mutter zu nähen, zu Anfang noch ohne Motor. Diese Maschine steht noch heute in ihrem Wohnzimmer. Auch die Puppe, für die sie schon als Kind Kleidung genäht hatte, bewahrt sie zuhause auf. Das Nähen liegt in der Familie:

Meine Tante war Schneiderin, Reste gab es da immer irgendwo. Nadel, Schere, Garn - das hat meine Mutter auch gehabt, sie hat ja auch geschneidert.

Im Alter von 16 Jahren bekam Renate bei einem Burda Wettbewerb den 2. Preis für ihr gefüttertes Kostüm. Sie hatte eine anspruchsvolle Arbeit abgeliefert. Den Faltenrock hatte sie mit abgesteppten Falten und Futter, den Blazer mit Futter genäht.

Ich habe auch viel gestrickt und gehäkelt. Ich habe alles ausprobiert von Seidenmalerei bis Makramee - damals hat man auch mit Strumpfmaterial Blumen gebastelt - und Wachsbatik. Es gibt fast keine Technik, die ich nicht ausprobiert habe.

Mit der Familie ging es im April 1995 nach Singapur und damit begann für Renate das Patchworken.

Und als wir nach Singapur kamen, habe ich das Stricken aufgegeben: Wer braucht denn dort schon einen dicken Pullover? In Singapur habe ich zunächst mal nicht mehr genäht. Eines Tages hörte ich: Ein paar Frauen treffen sich zum Patchworken - Patchwork, was ist denn das überhaupt? Die Erklärung machte mich neugierig. Und so habe ich meinen ersten Kurs gebucht und war bei den Frauen im Deutschen Club dabei, und so bin ich süchtig geworden.

bom singapore blau gelb grün

- MM: Waren das deutsche oder amerikanische Frauen?

Im deutschen Klub waren es eine deutschsprachige Gruppe, vorwiegend Deutsche und Schweizer, aber auch Frauen aus anderen Ländern, die mit Deutschen oder Schweizern verheiratet waren. Wir waren als Familie auch Mitglied im British Club, da gab es eine Crafts Group, eine Handarbeitsgruppe. Wir haben alles gemacht: gemalt, geklöppelt, gestrickt und etliche haben eben auch Patchwork gemacht. Es waren immer mehr Leute, die Patchwork gemacht haben, diese haben wiederum andere angesteckt und mitgezogen.

- MM: Welche Stoffe habt ihr verwendet? Woher stammten die Stoffe?

Es gibt verschiedene Patchworkläden in Singapur vorwiegend mit Stoffen aus den USA oder Australien und es gibt eine australische Kette wo man von Küchenutensilien, Heimdekoration und Hobbybedarf alles bekommt, eben auch Nähmaschinen, Stoffe und Zubehör. Batikstoffe aus Baumwolle aus Thailand, Indonesien und Malaysia kann man in Little India und Chinatown in verschiedenen Geschäften und auf den Märkten kaufen. Ihr seht, man ist da recht gut versorgt!

- MM: Habt ihr Ausstellungen gemacht?

Der British Club, American Club und die American Women Association Club hatten Patchworkgruppen und auch verschiedene Ausstellungen organisiert. 2004 haben wir erstmals eine gemeinsame Ausstellung im British Club organisiert. Der Club hat uns den Ballsaal zur Verfügung gestellt und die Angestellten waren sehr hilfsbereit und haben bei der Hängung geholfen. Dabei habe ich auch 2011 einen Tisch mit meinen Arbeiten bestückt und für mein Longarm Quilten Werbung gemacht.

quilters in singapore2011

- MM: Bei der Patchwork Gilde Deutschland e.V. bist du auch aktiv?

Ja, ich war Regionalvertreterin für Schwaben von Anfang 2017 bis Mitte 2019, jetzt nur noch Mitglied ohne Funktion. Ich war auch schon in Dubai in der Gilde aktiv. Als wir nach Dubai zogen, habe ich gleich gegoogelt, ob es Quilter gibt. Und: Natürlich gab es nicht nur Quilter, es gab sogar eine Gilde mit über 100 Mitgliedern.

- GB: Das sind aber Amerikanerinnen, oder?

Das ist international.

- GB: Und Araberinnen sind auch dabei?

Ja, es gab auch Quilterinnen aus Katar, Bahrain, Oman und Jordanien, die hauptsächlich bei den Ausstellungen mitgemacht haben. Ich war gerade mal 11 Tage in Dubai, als ich zum ersten Gildetreffen ging. Diese Treffen gab es einmal im Monat in einem gemieteten Saal im Hotel. Ich hatte vorher schon telefonisch mit der Dame vom Vorstand Kontakt aufgenommen. Sie sagte, komm doch einfach vorbei, wir werden da auch eine Quiltgruppe für Dich finden. Mein Mann hat mich hingefahren, da es damals so gut wie keine öffentlichen Verkehrsmittel gab und Taxis waren auch schwer zu bekommen. Bei den Treffen musste man Eintritt bezahlen, um die Kosten für die Saalmiete abzudecken. Zum Eintrittspreis gehörte aber auch ein Snackbuffet mit Kaffee und Tee. An der Kasse fragte man mich, ob ich als Gast käme, oder gleich Mitglied werden wolle. Ich komme erst einmal als Gast, sagte ich, aber im selben Moment dachte ich: Ich bleibe mindestens drei Jahre in Dubai, dann werde ich doch gleich Mitglied. Ich bin beigetreten und am selben Tag bekam ich den Kontakt zu einer Gruppe in meinem Wohngebiet. Wir trafen uns abwechselnd in unseren Privatwohnungen oder Häusern. Später habe ich wegen meines Tennisspielens die Gruppe gewechselt. Wir trafen uns wöchentlich am Donnerstagvormittag. Jede hat ihre eigenen Projekte mitgebracht und wir haben gemeinsam genäht. Ich bin dann recht schnell in den Vorstand der Gilde gekommen, da der Vorstand jemand für die Pflege der neuen Website suchte, die gerade eingerichtet wurde. Nach einer Einweisungszeit habe ich die Website betreut und auch die Fotos bei den Quilttreffen und Ausstellungen gemacht. Außerhalb der Gildetreffen und der Treffen der Quiltgruppen wurden viele Projekte aufgezogen für Frauenhäuser, Kinderheime und Frühchen-Stationen. Ich habe in der Zeit auch sehr viele Workshops mitgemacht, einfach alles ausgenutzt an Möglichkeiten und Angeboten, was es gab. Daher stammen noch die vielen UFOs in meinem Schrank.

bom dubai

- MM: Welche Kursleiterinnen konntest du kennenlernen?

Da waren einige, z.B. Di Wells, Cynthia Tomaszewski, Karin Hellaby, Dijanne Cevaal, Patricia Watkins, Pia Welsch und Lynne Edwards! Lynne arbeitet viel mit Kurven. Sie hat ein Lineal entwickelt, mit dem ich meinen Zertifikatsquilt, der im Rahmen der Kursleiterausbildung der Patchwork Gilde Deutschland e.V. entstand, genäht habe. Ich war zu der Zeit Mitglied im Vorstand und somit mitverantwortlich für die Organisation der Ausstellungen und Workshops. Ich hatte alles gebucht und auch organisiert und mich um unsere Kursleiterinnen gekümmert. Und dann wurde ich am letzten Tag krank und konnte selbst nicht am Workshop teilnehmen. Als Dankeschön und kleine Entschädigung bekam ich die Lineale und auch die Kursunterlagen von Lynne.

zertifikatsquilt 2016

- MM: Waren auch Männer dabei?

Keiner, außer Ricky Tims.

- MM: Also eher Frauen der Mittelschicht?

In Singapur waren es hauptsächlich Frauen aus dem Ausland, Frauen, deren Männer für einige Jahre in Singapur arbeiteten und die oft selbst keine Arbeitserlaubnis in Singapur bekamen.

- MM: Ist der Kontakt zu den Quilterinnen geblieben?

Ja, sicher. Im Herbst treffen wir uns von unserer Singapurgruppe zum verlängerten Nähwochenende in Sussex, Südengland. Da gibt es eine Pension, wo viele Gruppen regelmäßig hinfahren. Wir überlegen noch, was wir machen. Die Betreiber bieten verschiedene Workshops an. Es ist noch offen, ob wir einfach kommen und eigene Projekte nähen oder ob wir Workshops buchen. Update – Das Treffen ist mittlerweile wegen Corona abgesagt!!!

Renate engagiert sich in der evangelischen Freikirche Landsberg. Bei der Patchworkgilde Deutschland e.V. war sie als Regionalvertreterin und als Beirätin tätig. Sie war über das Wochenende und oft auch drei volle Tage für das Organisieren von Ausstellungen für die Gilde unterwegs. Diese Arbeit, sowie die Vor- und Nachbereitungen haben ihr viel Spaß gemacht und sie habe viele interessante Quilterinnen kennengelernt und viele Erfahrungen sammeln können.

- MM: Hast du Unterschiede zwischen der Gilde in Dubai und der Gilde in Deutschland feststellen können?

Es ist nicht zu vergleichen. Natürlich war die Gilde in Dubai räumlich eng begrenzt auf zwei Städte: Dubai und Abu Dhabi. Zu den Quilt Ausstellungen kamen viele BesucherInnen aus Jordanien, Katar, dem Jemen und aus den anderen umliegenden arabischen Ländern. Das waren sehr schöne Ausstellungen, besonders weil sie so exotisch angehaucht waren, wie Märchen aus 1000 und einer Nacht. Die deutsche Gilde hat ca. 60 x mehr Mitglieder, trotzdem hat man nur zu einigen wenigen wirklich Kontakt und trifft sie eher selten, da man ja auch sehr weit auseinander lebt.

- MM: Zum Abschluss die obligatorische Frage: Warum hast du dich nach deiner Rückkehr aus Asien ausgerechnet der Gröbenzeller Quiltgruppe angeschlossen?

Ich schaute nach einer Gruppe in der Nähe meines Wohnortes. Aber die Landsberger Gruppe nahm niemanden auf und Augsburg war mir zu weit. Dann besuchte ich eine Ausstellung der Gröbenzeller Quiltgruppe. Ich war begeistert von den Exponaten und wollte auch gerne mehr in die künstlerische Richtung gehen, z. B. auch andere Medien ausprobieren.